Predigt von Pfarrer Daigeler zum Gründonnerstag
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Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, „tut dies zu meinem Gedächtnis“. Diese Worte Christi aus dem Abendmahlssaal hören wir in jeder Feier der Heiligen Messe. Diese kurzen Worte benennen den zentralen Kern der Eucharistie. Wir haben sie schon oft gehört, sind sie uns aber wirklich verständlich?
Die „Eucharistie ist das Gedächtnis des Pascha Christi“ lehrt die Kirche. Aber was bedeutet das? „Gedächtnis“ oder Gedenken werden landläufig mit Erinnerung verbunden. Wir denken also an etwas, das vergangen ist – manchmal gerne, manchmal schmerzvoll. So scheint es auf den ersten Blick auch in der Heiligen Messe zu sein. Gerade am Gründonnerstag könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir uns an das erinnern, was Jesus mit seinen Jüngern am Abend vor seinem Leiden getan hat. Natürlich ist das so. Und dennoch wäre es zu wenig.
Gedenken im biblischen und kirchlichen Sinn meint Verkündigung der großen Taten, die Gott gewirkt hat. Und in dieser lobpreisenden Verkündigung werden diese Taten tatsächlich unter uns gegenwärtig. Das benennt ein kurzer Halbsatz, den die Kirche heute ins Eucharistische Hochgebet einfügt: „Das ist heute.“ Wenn es nur um menschliches Erinnern ginge, wäre dieser Satz schlichtweg falsch. Das Letzte Abendmahl ist nicht heute, sondern es fand vor bald 2000 Jahren statt. Doch die Provokation des Wörtchens „Heute“ soll uns anstoßen, tiefer zu schauen und zu glauben.
Wir müssen daher fragen: Was ist der Inhalt dieser Gedächtnisfeier? Jesus spricht von seinem Leib, der für uns hingegeben wird, und von seinem Blut, das für uns vergossen wird. So ist deutlich, es geht um seinen Tod. Es geht um die Hingabe seines Lebens für uns und für viele. Es geht um das, was wir in der religiösen Sprache als „Opfer“ bezeichnen. Die Heilige Messe ist das Opfer Christi. Sie ist keine Wiederholung. Sie holt all das, was Jesus für uns am Kreuz gewirkt hat, auf sakramentale Weise in unsere Gegenwart hinein und wendet es uns zu.
Das klingt jetzt sehr theologisch. Das ist es auch, aber es ist die Mitte unseres katholischen Glaubens. Es hat existenziell etwas mit uns, mit mir zu tun. Was ist gemeint?
Zu den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt gehört die Vergänglichkeit. Jeder Mensch stößt an Grenzen. Mein Tag hat nur eine bestimmte Anzahl von Stunden, meine Kondition – körperlich wie geistig – ist begrenzt, bis ich erschöpft bin… Und auch die Lebenszeit jedes Menschen ist begrenzt. Keiner kann – auch mit noch so großem finanziellem oder technischem Aufwand – dem Tod entrinnen. Im Abendmahlssaal kündigt Jesus seinen verwunderten Jüngern an, dass er genau dieses Los mit uns Menschen zu teilen bereit ist. Morgen am Karfreitag schauen wir auf das Kreuz und wissen, dass der Herr den Worten Taten hat folgen lassen.
Für viele Zuschauer bei der Kreuzigung Jesu wird dieser Tod wie das Sterben eines verurteilten Verbrechers gewirkt haben. Für uns Glaubende gilt, was wir heute im Eingangsvers gehört haben: „Wir rühmen uns im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil, in ihm ist uns Leben, in ihm sind wir erlöst und frei.“ Die Tatsache, dass der Urgrund des Lebens, Gott selbst, in den Tod gestiegen ist, hat den Tod von innen her verändert. Er hat ihn gleichsam aufgesprengt. Nicht weggeschoben oder weggezaubert hat der Herr den Tod, sondern er hat ihn auf sich genommen, um ihn zu verwandeln in Leben.
„Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen“, beten wir bei der Feier des Requiems. Und damit bekennen wir, dass wir alle aus seinem Opfer leben. Es geht nicht nur darum, dass in der Eucharistie Brot und Wein in Leib und Blut Christi gewandelt werden. Das allein ist schon ein unbegreifliches Wunder. Es geht darum, dass Tod in Leben gewandelt wird – für alle, die seinen Leib gläubig in sich aufnehmen. Das ist nicht Erinnern an Vergangenes, das ist Gegenwart und vor allem Zukunft.
Wenn wir das bedenken und glauben, dann klopft in der Feier der Eucharistie aber auch die Frage an unser Herz, wie es um meine Opferbereitschaft steht. Wir leben aus dem Opfer Christi. Indem wir das verkünden und preisen, wird es Gegenwart unter uns. Doch wahrhaft Anteil daran erhalten, kann man nur in der Haltung der Fußwaschung, von der uns der Evangelist Johannes aus dem Abendmahlssaal berichten. „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsstet auch ihr einander die Füße waschen“, sagt Jesus. Man kann die Eucharistie nicht fruchtbar empfangen ohne die Bereitschaft, für die Brüder und Schwestern da zu sein, ihnen beizustehen und auch am Aufbau der Gemeinde mitzuarbeiten. Die Kirche lebt auch aus den Opfern der Gläubigen. Wir empfangen den Leib Christi, um sein Leib zu sein und zu werden. Amen.
02.04.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler




